16.05 Ein teures Foto

Von Siem Reap aus war es nicht mehr so weit bis zu Grenze. Es gibt genau eine Straße die quer durch bis zum einzigen Grenzübergang nach Laos geht. Was uns auf dieser Straße erwarten würde, konnten wir nicht ahnen als wir früh losfuhren. Von den Motorradfahrern in Asien hatte ich ja schon mal berichtet – in Indien ist der Vorteil, dass alle langsam fahren (müssen) weil so unheimlich viel los ist. Im Kambodscha ist Platz und man fährt automatisch deutlich schneller. Warum auch nicht. Allerdings hat man etwas den Eindruck, dass viele ihren gesunden Menschenverstand und Überlebenswillen komplett ausschalten sobald sie auf einem Moped sitzen.Nicht nur, dass sie überholen ohne zu kucken und dafür spontan in die Mitte ziehen, nein, auch vom Straßenrand ziehen wir ohne zu kucken auf die andere Seite rüber. Tja, und dann kam es wie es kommen musste. Wir erwischten einen Mopedfahrer. Ich hatte ihn vorher schon gesehen – allerdings stand er da neben seinem Moped auf der anderen Straßenseite. So schnell wie er dann aufsprang und ohne zu kucken auf unsere Spur zog, blieb keine Chance weit genug auszuweichen und wir trafen sein Vorderrad und brachten ihn zum fliegen. Natürlich ging alles rasen schnell, in der Sekunde in der er im Blickfeld auftauchte fuhr Jo auch schon hupend nach rechts. Das beeindruckte den (möglicherweise nicht ganz nüchternen) Fahrer aber auch nicht im geringsten. Wir blieben kurz stehen, Jo sprang aus dem Auto um zu kucken was los war – das Moped war zerlegt und der Fahrer hatte offensichtlich ein gebrochenes Bein. Im Nachhinein war es gut, dass wir das noch gesehen hatten… Dann wurde die Stimmung um uns herum aber schon komisch. Wir taten dass, was selbst das auswärtige Amt rät: wir fuhren weg. Das klingt für jeden deutschen Autofahrer zwar komisch, ist aber das einzig vernünftige. Gerade als Ausländer weiß man nie, auf welche Ideen Angehörige und Freunde so kommen können. In einem kleinen Dorf, in dem niemand deine Sprache spricht, erst recht. Wir flüchteten also aus dem Dorf, weiter auf der einzigen vorhandenen Straße… Bis zu einer Straßensperre an einer Provinzgrenze. Die hatten offenbar schon auf uns gewartet.

Englisch konnte hier natürlich keiner, aber dass wir auf irgendwen warten sollten wurde klar. Nur nicht so recht auf wen. In dem Moment kam dann tatsächlich ein Overlander vorbei – der nicht nur Deutsch ,sondern auch die Landessprache beherrschte. Er war so nett uns kurz zu übersetzen, dass der Mopedfahrer wohl verletzt, aber nicht schwer verletzt ist und wir mit auf die letzte Polizeistation kommen sollten. Ein Polizist würde uns abholen. Dann musste er leider weiter, er hatte schließlich einen wichtigen Termin in Siem Reap. Der Polizist holte uns dann wirklich ab, musste ins aber erst noch überzeugen, dass wir wirklich wieder zurück in das Dorf fahren, dass wir davor Angst hatten, verstand er zwar, zeigte aber auf seine Knarre. Na gut. Ging wohl nicht anders. Jetzt blieb noch die Frage, was würde auf uns warten – Geldstrafe, Auto konfisziert oder vielleicht doch Gefängnis? Dass die Polizei in Kambodscha den Ruf hat unheimlich korrupt zu sein, machte es nicht besser – war das jetzt zu unserem Vor- oder Nachteil? Die nächsten 3 Stunden zogen sich unglaublich, bei knapp 40° für alle eine Tortur. Alles was sie taten, war unsere Namen aus den Pässen abzuschreiben und auf irgendwen anders zu warten. Mehr wussten wir auch nicht, keiner konnte auch nur ein Wort Englisch. So richtig gut tut das den Nerven nicht, wenn man nicht weiß was passiert… und es gingen leise Gerüchte, dass der Mopedfahrer gestorben wäre. Das kam uns zwar spanisch vor, aber bei der hiesigen medizinischen Versorgung, weiß man nie. Wir mussten dann in die nächst größere Stadt und Polizeistation, die wohl auch ein Büro der Tourist Police hatten. Nochmal 50km in die falsche Richtung – hatten wir doch eigentlich die Hoffnung gehabt, abends noch über die Grenze zu fahren. Immerhin hatten wir ein bisschen schlechtes Netz, so dass ich erst mal Olli und Laura schreiben konnte. Das war dann gut für die Nerven, zu wissen dass jemand Bescheid weiß und zu hören, dass sie auch glauben es ist nur die Frage wie teuer das wird.

In der Polizeistation angekommen gab es dann einen der ein paar Brocken Englisch konnte. Für eine vernünftige Unterhaltung leider zu wenig und erst recht zu wenig, um sinnvoll unsere Sicht der Dinge zu erklären.Der Polizist war leider auch noch ungeduldig und frustriert, dass wir ihn nicht verstanden, was die Kommunikation nicht erleichterte. 4 Stunden später hatten sie es dann geschafft unsere Personalien aufzuschreiben und was sie verstanden hatten vom Unfallhergang. Jo malte dann auch noch auf, wie wir gefahren waren. Mit diesem Zettel stürmte der Oberste der Beamten dann raus und zeigte es der Mutter des Verletzten, die aus dem Dorf auch gekommen war. Gerade bei solchen Situationen haben wir gelernt uns aufs Bauchgefühl zu verlassen und bei ihm hatten wir den Eindruck, dass er uns gewogen war. Angeblich waren wir nämlich von hinten gekommen und der Mopedfahrer war schon geradeaus gefahren. Unsere Geschichte passte aber viel besser zu den Schäden und der Verletzung. Von hinten kommend erwischt man so selten das Vorderrad… Dann zog sich alles wieder in die Länge, bis uns einer dann erklärte,jetzt wäre Feierabend, wir müssen in ein Guesthouse. Und wir wussten noch nicht mal was denn jetzt wirklich mit dem Verletzten los war, an einen Todesfall wollten wir nicht glauben. Wobei wir überrascht feststellten, dass sich das Mitgefühl da sehr in Grenzen hält, nicht nur dass er den Unfall verursacht hatte, er hatte uns damit auch noch in diese (drücken wirs nett aus:) unangenehme Situation gebracht. Ich würde gerne schreiben „und nur weil der Vollidiot nicht in der Lage war kurz zu kucken ob was kommt, wir hätten ja auch ein großer Laster sein können“, aber das wäre wohl politisch und moralisch inkorrekt. Wie auch immer. Wir sollten dann einen Zettel unterschreiben, in Khmer Buchstaben geschrieben… (auf dem Foto seht ihr ein Beispiel) der grob übersetzt dann lautete: Wir überlassen der Polizei unsere Pässe, Fahrzeugdokumente, Auto und Schlüssel auf unbestimmte Zeit zur Verwahrung. Öhm, bei allem Verständnis, Nein. Und erst recht nicht, wenn wir das nicht lesen können .Das verstand dann unser Übersetzer so gar nicht und musste erst mal wieder laut werden. „In Deutschland bekommt er ja auch keine Übersetzung.“ Hä? Wir wollten doch nur den Zettel in Englisch – das konnte er doch schließlich. Sein Vorgesetzter schien uns zu verstehen, ließ uns aber erst noch eine halbe Stunde diskutieren, bevor er unserem Vorschlag zustimmte, dass wir das selbst schreiben. „Eine Nacht, diese Dinge, Unterschrift“. Dass wir im Auto schlafen war eh nie zur Diskussion gestanden. Damit waren dann alle zumindest einverstanden und wir wurden zu einem Guesthouse im Ort gebracht. (Sie wollten uns erst auf Mopeds da hin bringen, hatten aber Bounty einfach vergessen…) Zu Fuß waren das keine 10 Minuten und der Besitzer des Guesthouse war erst etwas skeptisch, ob das mit dem Hund gut geht. Wir versicherten ihm, sollte doch was passieren machen wir das selbst sauber. Einverstanden. Die Polizei zahlte dann unser Zimmer und ließ uns schlafen. An Schlaf war aber mit der Aufregung einfach nicht zu denken und wenn das morgen so weiterginge, wären wir in ein paar Wochen immer noch keiner Lösung näher. (Nicht zu vergessen, dass wir einen Termin an der chinesischen Grenze hatten)

Ein Übersetzer musste her. Facebook ist dein Freund und Helfer und wir bekamen einige private Kontakte die uns hätten helfen können, aber alle ziemlich weit weg und wenn überhaupt nur telefonisch erreichbar. Verdammt. Wir hatten kein Guthaben auf der Inland-Sim um irgendwen anzurufen. Laura überzeugte uns dann von der deutschen Botschaft, immerhin sind die genau dafür zuständig. Im Guesthouse gab es dann Guthaben für die Simkarte (man darf ja auch mal Glück haben) und nachdem uns von der Botschaft versichert worden war, dass uns morgen jemand telefonisch übersetzt, gingen wir dann endlich schlafen. Bounty fand das Zimmer genauso doof wie wir… obs jetzt am Zimmer lag, oder unseren Nerven?

Kleines Detail am Rande: Bei Unfällen werden hier so weiße Zeichnungen auf der Straße gemacht, wie man das aus Krimis kennt, wenn einer umgebracht wird… Die hatten wir auf dem Weg zur Polizeistation gesehen… da wussten wir nur noch nicht, dass sie das immer so machen, egal was für Schaden entstanden ist. (In Laos übrigens auch)

Eine kurze Nacht später saßen wir wieder im Büro bei den Polizisten. Und mussten erst mal eine Stunde warten, bis die Dame von der Botschaft Arbeitsbeginn hatte… Dann wurde uns von dieser Seite erst mal mitgeteilt, dass sie uns eigentlich gar nicht helfen können, weil das ja Wochen dauern könnte und sie leider besseres zu tun hätten. Na danke. Zu 10 Minuten übersetzen konnten wir sie dann wenigstens überreden… Und. Die reichten auch.

Der Mopedfahrer hatte tatsächlich nur ein gebrochenes Bein und wenn wir bezahlten, war alles geregelt. Übrigens hat nie einen interessiert, wer denn jetzt Schuld ist. Der Verletzte kriegt Geld. Punkt. Als die Familie dann 3000$ forderte, musste unsere Übersetzerin erst mal lachen „ob er sich gleich ein neues Haus bauen wolle?“. Der oberste der Polizisten war wohl ähnlicher Meinung und erklärte das auch der Mutter des Verletzten. Einig wurden sich dann alle bei 1000$. Viel Geld, für beide Parteien^^ Aber der reiche Weiße hats ja.

Mit diesem Betrag war dann aber alles geregelt, wir konnten fahren wohin wir wollten, die Akte war quasi gelöscht und die Familie hatte keinen Anspruch auf Geld, sollten Folgeschäden auftreten. Das wollten wir jetzt aber noch schriftlich. In Englisch. Der Polizist mit den wenigen Englischkenntnissen guckte schon ganz begeistert. Wieder schrieben wir das ganze selbst, dann unterschrieben wir, der oberste Vorgesetzte und die Mutter des Verletzten. Also, um genau zu sein, machte sie einen Daumenabdruck aufs Papier, schreiben konnte sie nicht. Fertig. Wir bekamen Papiere und Schlüssel wieder und machten CC fertig.

Bevor wir aber abfahren konnten, kam der Polizist nochmal. Ob wir ein Foto machen können? Mit dem goldenen Iphone gabs dann noch ein Foto für den Polizisten und eins für uns. Jetzt aber raus hier. Unsere ganze schöne Erholung von unserer Pause am Pool war in weniger als 24 Stunden verpufft und wir an unsere Grenzen gebracht worden. Laura, Olli und Coco waren wohl genauso erleichtert, hatten sie doch im Live-Ticker alles mitbekommen. Vielen Dank an euch, mit euch zu reden hat uns wirklich geholfen, nicht durchzudrehen.

Endlich waren wir an der Grenze. Hier war dann überraschend wenig los, um genau zu sein, es war kein Mensch zu sehen. Auch der zuständige Beamte war nicht da. Irgendwann kam er dann aber doch, Jo erledigte die Zollformalitäten und kam grinsend zurück: „Der Grenzer hat mich gefragt, ob das meine Frau ist, hab dann ja gesagt, meinte er nur „Süß“…“ Das war dann also der nette Beamte, beim ausstempeln aus dem Reisepass kam dann der andere: Er verlangte eine Stempelgebühr von 2 Dollar, die wir ihm nicht geben wollten, und zack war der Stempel mitten auf einer neuen Seite. Herzlichen Dank auch^^

Die Einreise nach Laos war dann wieder unproblematisch, Visaanträge ausfüllen, bezahlen, weiterfahren… und wir waren raus aus Kambodscha.

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